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Frühe Intervention am Arbeitsplatz

friaa: Frühe Intervention am Arbeitsplatz. BMBF-geförderte deutschlandweite randomisierte und kontrollierte Studie zur Wirksamkeit der psychosomatischen Sprechstunde im Betrieb.

Psychische Erkrankungen sind laut Auswertungen der Krankenkassen eine der häufigsten Ursachen für Krankheitstage in Deutschland. Wesentliche Probleme im Zusammenhang mit psychischen Beschwerden am Arbeitsplatz sind die oft erst spät gestellten Diagnosen und die langen Wartezeiten für eine Behandlung. Außerdem trauen sich die Betroffenen häufig nicht, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen bzw. zur Psychotherapie zu gehen oder sie finden nicht sofort die richtige Therapeut*in. Genau an diesem Punkt setzt nun das Verbundprojekt „Frühe Intervention am Arbeitsplatz“ (friaa) der Psychosomatischen und Psychotherapeutischen Klinik des Universitätsklinikums Erlangen in Kooperation mit dem Universitätsklinikum Ulm sowie weiteren Verbundpartnern an.

Studienziel

Innerhalb der psychosomatischen Sprechstunde erhalten alle interessierten Mitarbeiter eine Diagnostik und Beratung zu möglichen Behandlungsoptionen. Falls notwendig können anschließend Therapiesitzungen wahrgenommen werden. Alle Termine finden anonym statt. Die Betriebsärzt*in wird mit Einverständnis der Beschäftigten hinzugezogen, unterliegt aber der Schweigepflicht. Das Ziel der Studie ist es eine schnelle und fachgerechte Diagnostik und psychotherapeutische Behandlung psychisch belasteter Mitarbeiter*innen direkt im Betrieb durch die psychosomatische Sprechstunde zu gewährleisten und die Wirksamkeit des Angebots zu überprüfen.

Studienleitung und Kooperationspartner*innen

Studienleitung

  • Prof. Dr. med. Harald Gündel und Privatdozentin Dr. med. Eva Rothermund, vom Universitätsklinikum Ulm
  • Psychologische Psychotherapeutin M.Sc. Psychologin Kristin Herrmann (Studienkoordinatorin), Universitätsklinikum Ulm
  • Prof. Dr. med. Peter Angerer (Co-Studienleitung) vom Universitätsklinikum Düsseldorf

Leitung der weiteren Studienzentren:

  • Prof. Dr. med. Yesim Erim, Universitätsklinikum Erlangen
  • Psychologischer Psychotherapeut Prof. Dr. Christoph Kröger, Stiftung Universität Hildesheim
  • Prof. Dr. med. Volker Köllner, Reha-Zentrum Seehof

qualitativen Untersuchungen:

  • Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin

Datenauswertung:

  • Institut für Medizinische Biometrie und Informatik, Universität Heidelberg
  • Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie II der Universität Ulm am Bezirkskrankenhaus Günzburg

Studienablauf

Die Studie, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und der Deutschen Rentenversicherung mit 2,3 Mio. Euro gefördert wird, soll bis zu 600 Teilnehmer an fünf Standorten einschließen. Die Probanden – psychisch belastete Beschäftigte der kooperierenden Unternehmen – werden zufällig einer von zwei Gruppen zugeteilt. Die Diagnostikgruppe erhält eine umfangreiche Diagnostik und eine Erstberatung durch die Therapeut*innen des Uni-Klinikums Erlangen und wird im Anschluss an ambulante Anbieter*innen verwiesen. Bei der Interventionsgruppe folgt auf die Diagnostik und die Erstberatung noch eine Kurzzeittherapie mit Arbeitsplatzbezug durch die Studientherapeut*innen. Ein wesentlicher Bestandteil der Psychotherapie ist die Unterstützung bei der anschließenden Reintegration an den Arbeitsplatz; hierbei werden auch die Betriebsärzt*innen in den Kreis der Helfenden aufgenommen. An der Studie teilnehmen können psychisch erkrankte Arbeitnehmer*innen, die z. B. an Angststörungen, Schlafstörungen oder unter somatoformen Störungen wie Müdigkeit, Erschöpfung oder Schmerzsymptomen leiden. Die Aufnahme in die Studie erfolgt durch die Betriebsärzte, ist aber auch auf eigenen Wunsch der Betroffenen möglich.

Hintergrund der Studie:

Im Rahmen des Forschungsprojekts verlassen die Wissenschaftler ihre Klinik und kommen in das Lebensumfeld ihrer Patienten, wenn erwünscht, direkt an den Arbeitsplatz. „Die psychosomatische Sprechstunde unserer Fachärzte und Psychotherapeuten findet in mehreren Zentren in der Region statt“, erläutert Prof. Dr. (TR) Yesim Erim, Leiterin der Psychosomatik des Uni-Klinikums Erlangen. „Unser Ziel ist es, psychisch belastete Beschäftigte schnell zu erkennen und zu behandeln und damit ihren Verbleib am Arbeitsplatz zu fördern.“ Mit ihrem alltagsnahen Angebot erhoffen sich die Verbundpartner, sowohl das Wohlbefinden und die Gesundheit der Mitarbeiter zu erhöhen als auch die kooperierenden Unternehmen zu unterstützen.

„Die frühe Intervention vor Ort ermöglicht es den Betroffenen, rechtzeitig geeignete Hilfe in Anspruch zu nehmen. Aber auch dem jeweiligen Unternehmen ist geholfen, da Arbeitsausfälle reduziert und Sozialkassen entlastet werden“, sagen die Initiatoren der Studie, Prof. Dr. Harald Gündel und Dr. Eva Rothermund, vom Uni-Klinikum Ulm.

„In Franken leben wir in einer Region mit Menschen, die von sich selbst höchste Leistungen abverlangen“, so Prof. Erim. „Die hohe Arbeitsmoral hat diese Region einerseits zu einer Wiege von Wissenschaft und Innovationen gemacht. Andererseits hat die anhaltend hohe Verausgabungsbereitschaft – manchmal gepaart mit doppelten Belastungen durch Lohnarbeit und familiäre Notwendigkeiten – Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit zur Folge. Unsere Studie will ausloten, ob frühe Interventionen, die in den Betrieben beginnen, die Arbeitsfähigkeit der Beschäftigten deutlich erhöhen können.“ Ziel der Studie sei letztlich die dauerhafte Etablierung der psychosomatischen Sprechstunde am Arbeitsplatz im Katalog der gesetzlichen Krankenversicherungen. „Das Projekt wird auch einen Beitrag dazu leisten, dass die Erschöpfungszustände, die durch hohe Arbeitsanforderungen zustande kommen, von Betroffenen und behandelnden Ärzten früher erkannt werden“, sagt Prof. Erim. „Schließlich sollen Menschen mit psychischen Störungen nicht diskriminiert, sondern diagnostiziert und zeitnah behandelt werden.“

https://www.br.de/nachrichten/bayern/studie-uni-erlangen-was-bringt-psychotherapie-am-arbeitsplatz,SLuDPH4

 

Weitere Informationen:

Sinja Hondong

Tel.: 09131 85-44652

sinja.hondong(at)uk-erlangen.de